Vorschau — Zwischenstand im Aufbau. Die spätere Adresse lautet bauphysik.io.

Zum Inhalt springen
bauphysik.io

Ausgabe 2026-08

Uncategorized

Wie Wärmeleitfähigkeit gemessen wird — und wo die Verfahren enden

DIN EN 12667 und 12664 setzen einen Mindest-Wärmedurchlasswiderstand voraus. Was daraus für dünne Schichten folgt, warum die Norm ihre eigene Untergrenze begründet — und wo die physikalischen Grenzen liegen.

Ohne Verfasserangabe 5 Minuten Lesezeit

Ein Wärmeleitfähigkeitswert sieht aus wie eine Materialkonstante. Er wird auch so zitiert: λ = 0,035 W/(m·K), fertig. Tatsächlich ist er ein Messergebnis, und jedes Messverfahren hat einen Anwendungsbereich, außerhalb dessen es nichts liefert. Wo dieser Bereich endet, steht in den Normen selbst — und es lohnt, das nachzulesen, bevor man eine Zahl weiterreicht.

Zwei Normen, zwei Messprinzipien, ein Unterschied

In Deutschland regeln zwei europäische Normen die Laborbestimmung des Wärmedurchlasswiderstands von Baustoffen. Beide beschreiben dieselben zwei Prinzipien:

  • Plattengerät (guarded hot plate) — ein absolutes Verfahren: die eingespeiste Heizleistung wird direkt gemessen.
  • Wärmestrommessplatten-Gerät (heat flow meter) — ein Vergleichsverfahren: der Wärmestrom wird über einen kalibrierten Sensor bestimmt.

Unterschieden werden die Normen nicht nach Prinzip, sondern nach Anwendungsbereich:

Norm Ausgabe Anwendungsbereich
DIN EN 12667 2001-05 Produkte mit hohem und mittlerem Wärmedurchlasswiderstand, R ≥ 0,5 m²·K/W
DIN EN 12664 2001-05 Produkte mit mittlerem und niedrigem Widerstand, R ≥ 0,1 m²·K/W, λ bis 2,0 W/(m·K)

Zu beiden liegen Entwürfe für eine Neufassung vor (prEN 12667:2025 und ein BS-Entwurf zu EN 12664 vom Oktober 2025). Bis zu deren Veröffentlichung gelten die Ausgaben von 2001.

Warum die Untergrenze existiert

Bemerkenswert an der DIN EN 12664 ist, dass sie ihre eigene Untergrenze begründet. Der Anwendungsbereich nennt als Grund den Kontaktwiderstand: den Übergangswiderstand zwischen Probenoberfläche und Messplatte, der sich auch bei sorgfältiger Präparation nicht beseitigen lässt.

Solange der Probenwiderstand groß gegen diesen Kontaktwiderstand ist, fällt er nicht ins Gewicht. Wird die Probe dünn, kehrt sich das Verhältnis um. Ein Rechenbeispiel für einen Anstrichfilm von 0,5 mm mit einem für Bindemittelsysteme realistischen λ von 0,2 W/(m·K):

R = 0,0005 m ÷ 0,2 W/(m·K) = 0,0025 m²·K/W

Das liegt um den Faktor 40 unter der Messgrenze, die sich die Norm selbst setzt. Der Kontaktwiderstand ist dann nicht mehr Störgröße, sondern dominiert das Signal.

Der Anwendungsbereich übersetzt sich in eine Mindestdicke

Beide Normen definieren ihren Bereich über den Widerstand, nicht über die Dicke. Über R = d/λ folgt daraus aber eine materialabhängige Mindestdicke:

Material für EN 12664 (R ≥ 0,1) für EN 12667 (R ≥ 0,5)
Dämmstoff, λ = 0,04 4 mm 20 mm
Anstrich, λ ≈ 0,2 20 mm 100 mm
Polymermatrix, λ ≈ 0,25 25 mm 125 mm

Umgekehrt gerechnet ergibt sich ein methodischer Zirkel: Eine 0,5 mm dicke Probe fällt nur dann in den Anwendungsbereich der EN 12664, wenn ihr λ bereits bei oder unter 0,005 W/(m·K) liegt — und in den der EN 12667 nur bei λ ≤ 0,001. Man dürfte das Verfahren also nur anwenden, wenn die zu beweisende Eigenschaft schon feststeht.

Drei Fehlerquellen, die mit der Dicke wachsen

Der Kontaktwiderstand wurde oben beschrieben. Er ist der Grund, den die Norm selbst nennt.

Die Dickenunsicherheit ist absolut, nicht relativ. Wer eine Trockenschichtdicke von 0,5 mm auf ±0,02 mm genau kennt — für einen gestrichenen Film optimistisch —, trägt allein daraus ±4 Prozent Unsicherheit in λ. Dieselben ±0,02 mm sind bei einer 100-mm-Dämmplatte 0,02 Prozent.

Die Eindimensionalität geht verloren. Die Auswerteformel setzt einen eindimensionalen, stationären Wärmestrom voraus. Bei Submillimeterschichten überlagern sich laterale Leitung im Substrat und Randeffekte.

Prof. Dr.-Ing. Ayman Bishara (HAWK Holzminden) fasst das in einer Stellungnahme für ein Positionspapier von VDPM und VdL so zusammen: Normgerechte Verfahren setzten homogene Materialstrukturen, definierte Randbedingungen und ausreichende Probenstärken voraus; bei Submillimeterdicken träten Dominanz der Kontakt- und Grenzflächenwiderstände und Verlust der Eindimensionalität auf. Sein Schluss: eine normgerechte Bestimmung eines Wärmeleitwerts im Bereich von 10⁻⁴ W/(m·K) sei methodisch ausgeschlossen.

Auch das Verfahren selbst verschiebt das Ergebnis

Dass zwei anerkannte Verfahren dasselbe Material verschieden bewerten, ist keine Randnotiz. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik maß für dieselbe infrarotreflektierende Dämmung

  • R = 1,00 m²·K/W in der Hotbox, vertikal eingebaut
  • R = 0,50 m²·K/W im Plattengerät, horizontal und zusammengedrückt

Faktor zwei, allein durch Einbaulage und Kompression. Bei Produkten, deren Wirkung an Luftschichten hängt, ist die Prüfgeometrie damit Teil des Ergebnisses — und gehört in jede Angabe hinein.

Wo die physikalischen Grenzen liegen

Zur Einordnung jeder λ-Angabe helfen vier Referenzwerte:

System λ in W/(m·K) Quelle des Werts
Ruhende trockene Luft 0,025 DIN EN ISO 10456, Bemessungswert
EPS 0,031 – 0,052 DIN 4108-4:2020-11, Tabelle 2
Silica-Aerogel 0,012 – 0,020 Fachliteratur, Produktangaben
Vakuumisolationspaneel 0,004 – 0,008 Fachliteratur

Entscheidend ist, warum die unteren beiden Zeilen unter dem Wert von Luft liegen. Nicht wegen ihres Feststoffs — das niedrigste je berichtete λ eines dichten anorganischen Festkörpers liegt bei etwa 0,1 W/(m·K), rund viermal über Luft (veröffentlicht in Science, 2021). Sondern wegen ihrer Porenstruktur, und dafür gibt es genau zwei bekannte Mechanismen:

  • Knudsen-Effekt. Poren von 10 bis 100 nm sind kleiner als die mittlere freie Weglänge der Luftmoleküle — rund 68 nm bei Normaldruck und Raumtemperatur. Die Moleküle stoßen häufiger gegen Porenwände als gegeneinander, die Gasleitung bricht ein. So funktioniert Aerogel.
  • Evakuierung. Man entfernt das Gas. So funktioniert das Vakuumpaneel — und deshalb ist es druckempfindlich und nicht schneidbar.

Beide Mechanismen haben Bedingungen. Der Knudsen-Effekt greift bei Hohlkugeln im Mikrometerbereich nicht: Durchmesser von 0,4 bis 5 µm liegen beim 6- bis 74-fachen der freien Weglänge. Und Evakuierung setzt eine gasdichte Hülle voraus, die selbst wieder leitet.

Was das für die Bewertung einer Angabe bedeutet

Eine λ-Angabe ist ohne drei Beigaben nicht beurteilbar: das Verfahren, die Probendicke und die Randbedingungen (Temperatur, Einbaulage, Kompression). Fehlt eines davon, ist die Zahl nicht falsch — sie ist unprüfbar, und das ist im Zweifel schlechter.

Für die Praxis folgt daraus eine einfache Prüffrage: Liegt der behauptete Wärmedurchlasswiderstand der Probe im Anwendungsbereich des genannten Verfahrens? Wenn nicht, liefert der Prüfbericht keine belastbare Aussage — unabhängig davon, wie sorgfältig gemessen wurde.

Belegstatus

Die Anwendungsbereiche der DIN EN 12667 und 12664 stammen aus den Normkatalogen des offiziellen Vertriebs und aus dem frei zugänglichen Scope-Text; die Volltexte sind kostenpflichtig und wurden nicht eingesehen. Die Bemessungswerte für EPS stammen aus DIN 4108-4:2020-11, Tabelle 2, der Wert für ruhende Luft aus DIN EN ISO 10456.

Die Hotbox-Messreihe des Fraunhofer IBP ist in Bauphysik 33 (2011), Heft 1 veröffentlicht. Die Stellungnahme von Prof. Bishara ist einem Positionspapier von VDPM und VdL vom Januar 2026 entnommen; Auftraggeber sind Verbände der Putz-, Dämm- und Lackindustrie, das Prüfinstitut ist unabhängig. Diese Interessenlage gehört zur Einordnung.

Die Rechenbeispiele in diesem Beitrag sind eigene Umrechnungen nach R = d/λ mit den genannten Normwerten, keine Messergebnisse.

Weiterlesen

Uncategorized

Der Emissionsgrad und seine Randbedingung

Ein niedriger Emissionsgrad wirkt nur dort, wo eine Luftschicht angrenzt. Nachgerechnet für Außenoberfläche, Innenoberfläche und Luftschicht — mit dem Ergebnis, dass die drei Orte um zwei Größenordnungen auseinanderliegen.

Uncategorized

Vom Thermogramm zum U-Wert fehlt ein Messgerät

Eine Wärmebildkamera misst Strahldichte, keinen Wärmestrom. Welches Verfahren U-Werte am Bestand tatsächlich misst, wie lange es dauert und mit welcher Unsicherheit.